HANS - JÖRG KELLNER

Unter den ersten Funden, die bei Grabungen im Bereich Urartus herausgekommen sind, befanden sich ein goldenes Medaillon und ein silbernes Pectorale, die noch im vergangenen Jahrhundert in das Vorderasiatische Museum Berlin gelangten. Beide spielten seither eine wichtige Rolle bei der Betrachtung des Reiches Urartu und wurden sehr oft und meistens zusammen abgebildet[1]. Sowohl durch die Darstellung als auch durch das edle Metall waren die zwei An¬hänger als etwas Besonderes aus den übrigen Funden herausgehoben. Auf beiden Stücken ist eine Adorationsszenc mit sitzender Gottheit links und betender Gestalt rechts wiedergegeben; beide sind durch entsprechende Ösen dazu eingerichtet, an einer Kette oder ähnlichem auf der Brust getragen zu werden. Bis vor kurzem hatte sich der Bestand an urartäischen Medaillons nur um wenige Exemplare vermehrt. Bei den Grabungen in Karmir Blur kamen 3 Silberanhänger zutage[2]. Von Bronzemedaillons mit einander ähnlicher Adorations- szene tauchte eines in Privatbesitz auf[3], während das andere bei den Grabungen von Prof. A. Erzen in Çavuştepe herauskam[4]. Pectorale dagegen war keines mehr bekannt geworden. So erschien es reizvoll und auch möglich, die ganze Gruppe von Brustschmuck zusammen¬fassend zu betrachten und ihre Funktion als Rang oder Würdeabzeichen zu untersuchen.

Durch die sehr stark vermehrte Aktivität der wissenschaftlichen Forschung über Urartu einerseits, wie auch durch das zunehmende Interesse der Öffentlichkeit und damit nicht zuletzt der Sammler an Urartu und seinen Hinterlassenschaften andererseits, sind jedoch in den letzten Jahren so viele Pectorale neu aufgetaucht, daß eine zusammenfassende Auswertung noch nicht möglich erscheint. Das Bild hat sich so stark differenziert und damit auch kompliziert, daß es zunächst einmal notwendig wurde, das neue Material vorzulegen und dabei eine Gruppierung zu versuchen. Daß hierbei einige und sogar wichtige Fragen noch nicht endgültig geklärt werden können, ergibt sich aus der Situation. Und gerade deshalb mag es nützlich sein, die neuen Stücke liier zur Diskussion zu stellen[5].

I. Pectorale mit Ösen zum Umhängen

a) Silber mit Vergoldung

I. Silbernes Pectorale in Form etwa eines Halbmondes mit 2 angenieteten Hängcöscn an den abgerundeten Enden. Die größte Breite beträgt 15,7 cm, die Höhe in der Mitte 5,5 cm. In einer schmalen, das ganze Pectorale außen umziehenden Einfassung sind im Mittelfeld unten angeordnet 2 schreitende Löwen ; schräg zurückversetzt darüber befinden sich gegenständig 2 Stiere, über denen wiederum nach innen gewandt 2 geflügelte Genien mit Vogelkörper und Löwenfüßen dargestellt sind. Über die ganze Fläche zwischen den Figuren verteilt sind zehn-oder zwölf¬zackige Sternrosetten angebracht. Die Löwen haben ein aufge¬rissenes Maul und eine sehr gut durch Gravuren angcdeutetc Mähne, der Schwanz mit einer dicken Endquaste hängt nach unten. Die beiden Stiere, deren Vorderbeine wie bei den Löwen sehr gut in der Muskulatur, teilweise in Doppellinien, ausgear¬beitet sind, haben eine in Strich-und Punktreihe durchgehende kräftige Rückenhaarreihe, ihr Schwanz ist nach oben eingeringelt. Bei den Genien ist das Gefieder des Vogclkörpers schuppenartig, das der Flügel durch Parallelstrichc angcdcutet. Das Gesicht wird eingerahmt von langen, in den Nacken fallenden Haaren, aus denen am Hinterkopf ein Hom oder eine Feder heraustritt; in der linken Hand halten sie jeweils ein Gefäß. Sämtliche Tier¬figuren und die Sternrosetten sind durch eine Goldblechauflage hervorgehoben. (Tafel 1-2)

b) Silber ohne Vergoldung

2. Silbernes Pectorale in Form eines Halbmondes mit abgerun-deten Spitzen, an denen unter Beschädigung der Darstellung mit jeweils 2 Nieten Trageösen angebracht sind. Größte Breite 18,5 cm, Höhe in der Mitte 7,4 cm. Das von einer Randlinie eingefaßte Bildfeld ist reich mit Darstellungen verziert, die sich in drei Gruppen gliedern. Mittelpunkt jeder Gruppe ist ein heiliger Baum mit Früchten und Palmetten, zwischen dessen Ästen geflügelte Fabel¬wesen in Löwen-, Stier-, Widder- und Pferdegestalt paarweise, nach außen schauend angcordnet sind. Zwei Fabelwesenpaare, die obersten an den beiden äußeren Lebensbäumen, haben Menschenköpfe, die rechten sind behelmt. Unter den beiden äußeren Lebensbäumen knien 2 geflügelte Genien in der typischen Haltung mit dem charakteristischen Gefäß in der linken Hand. Beiderseits des mittleren Lebensbaumes sind mit Blick nach innen senkrecht untereinander angeordnet jeweils 3 bogenschiessende Fabelwesen mit Vogel- bzw. Fischkörper; die beiden obersten haben Widderköpfe und Löwenfüße, die mittleren Löwenköpfc und Greifenfüße und schließlich die untersten menschliche Köpfe und Füße. Oberhalb der Genien befindet sich eine vierzehnzackige, unterhalb eine zwölfzackige Stemrosette (Tafel 3).

Die beiden Pectorale 1 und 2, die auch zusammen aufgetaucht sind und dem gleichen Besitzer in der Schweiz gehören, sind stilistisch durch manche Gemeinsamkeit verbunden. In erster Linie müssen hier die Sternrosetten genannt werden, die durch ihre technische Ausführung, die Verwendung als Fcldfüllung und die Anordnung zu den Figuren die Herstellung beider Pectorale in der gleichen oder einer verwandten Werkstatt wahrscheinlich machen. Solche Rosetten sind auch als Verzierung auf Bronzegür¬teln recht beliebt; am nächsten entsprechen unseren Stemrosetten die auf einem Gürtel im Museum Adana[6]. Löwe und Stier als die beiden “heiligen” Tiere kommen nicht selten zusammen vor. Besonders beliebt waren sie als konzentrisch umlaufende Dekora¬tion auf Bronzeschilden[7]. Am nächsten stehen die Löwen auf dem Pectorale denen auf einem Schild von Karmir Blur mit Weihung Sarduri II. (764-735 v.)[8]. Mit diesen sind sie fast identisch, lediglich der abwärts gerichtete Schwanz unterscheidet sie. Im allgemeinen treten, insbesondere auf den Schilden, Löwen stets mit einem nach oben eingeringelten Schwanz und Stiere mit herabhängendem Schwanz auf, also gerade umgekehrt wie auf dem Pectorale 1. Daß jedoch auch die Darstellung des Löwen mit herabhängendem Schwanz und dicker Endquaste gebräuchlich war, zeigt der Bronzeköcher von Toprakkale im Britischen Mu¬seum[9], der außerdem noch eine ähnliche Palmettendarstellung wie auf dem Pectorale 2 aufweist. Als weitere Beispiele für schrei¬tende Löwen mit herabhängendem Schwanz mögen das reliefierte Bronzeblech von Karmir Blur[10], das bronzene Gürtelfragment von Diyarbakır[11] und ein weiteres Gürtelfragment von unbe¬kanntem Fundort[12] dienen. Auf die Stierdarstellungen der Schilde war eben schon verwiesen worden. Auch hier war jedoch durchaus die Abbildung eines Stieres mit erhobenem Schwanz nicht un¬gebräuchlich, wie diverse Bronzegürtel anzcigen[13].

Gemeinsam ist beiden Pectorale auch die Wiedergabe von jeweils 2 geflügelten Genien mit dem kleinen Kübel in der linken Hand. Zwar handelt cs sich auf Pectorale 1 um fischschwänzige Vogel-wesen mît Löwentatzen, bei denen lediglich der Oberkörper menschenähnlich ausgebildet ist. Die Genien des anderen Pectorale haben völlig Menschengestalt, lange Bekleidung und die typische zylindrische Kopfbedeckung[14]. Verbindungen stellen die ganz gleich ausgearbeiteten Arme und die Haartracht im Nacken her; auch halten beide eine Frucht in der Rechten. Genien mit dem kleinen Spendenkübel waren - immer paarweise - in Urartu ein beliebtes Motiv. Da sie mit und ohne Flügel vorkommen, werden die ungeflügelten mitunter auch nicht als Genien, sondern als Priester angesprochen, doch dürften die heutigen Bezeichnungen kaum mit den damaligen Vorstellungen voll übereinstimmen. Solche Genien mit oder ohne Flügel finden wir beiderseits eines heiligen Baumes vor allem auf Bronzehelmen[15] und als durch¬laufende Friese in Wanddekorationen[16] und eben auf silbernem Brustschmuck, neben dem schon beschriebenem auch auf Pec¬torale 3. Wenn die Genien auf Pectorale 2 auch dem heiligen Baum nicht unmittelbar zugeordnet sind, so ist beides doch Bestandteil der gleichen Komposition. Unmittelbar über den beiden Genien setzt der heilige Baum in derselben Weise an, wie er auch im Mittelpunkt des Pectorale, also im weiteren Sinne zwischen den beiden Genien, steht. Die Darstellung ist hier be¬sonders reich; von einem geraden Stamm mit Riffelung zweigen beidseits je 3 geschwungene Äste mit Pahncttenendcn ab. Am nächsten kommt dem heiligen Baum auf Pectorale 2 eine Darstel¬lung auf einem Bronzegürtel, bei der eine ganze Anzahl von Details verblüffend übereinstimmen. Ganz ähnlich sind der Fuß des Baumes, der gerade Stamm, die girlandenartige Schwingung der Äste und die Anbringung einer Frucht innen und einer Palmette außen[17]. Hier wie dort erscheinen Figuren zwischen den Asten. Vergleichbare Zweige und Palmettciunden haben auch die von Barnett gegebenen Beispiele[18]. In kleinerer Form bringt ein Bronzegürtel ebenfalls den heiligen Baum mit 3 Astpaaren[19]. Und schließlich entspricht die girlandenartige Ausführung der Äste einem auf Gürteln sehr häufigen Dekorationsmuster[20]. Das gleiche gilt für die Palmetten[21]. Vermerkt muß noch werden, daß der zum Vergleich für den heiligen Baum herangezogene Bronzegürtel neben echten Bogenschützen ebenfalls schiessende Fabelwesen zeigt. Am ähnlichsten sind jedoch die Ixigcnschies- senden Fabelwesen auf dem Bronzegürtel von Ançali im Metropo¬litan Museum[22]. Pectorale 2 vereinigt in seiner ganzen Vielfalt eine große Anzahl urartäischer Ziermotive die von verschiedensten anderen Kunstzweigen und Gegenständen gut bekannt sind.

3. Silbernes Pectorale, etwa halbmondförmig, mit abgerundeten Enden, an denen Hängeösen angenietet waren. Eine Öse İst noch erhalten. Größte Breite 24,2 cm, Höhe in der Mitte 9,2 cm. Damit gehört dieses Pectorale zu den größten, die bekannt ge- worden sind. Zwei das ganze Pectorale umziehende Leisten bilden eine schmale Einfassung des Bildfeldes, in dem durch Doppcllcisten an den Enden je eine Fläche abgetrennt ist. Hierin ist jeweils ein kniender, geflügelter Genius mit dem kleinen Kübel in der Rechten angebracht. In Haltung und Darstellung entsprechen somit die Genien jenen auf Pectorale 2, doch ist ihre Ausführung wesentlich weniger sorgfältig und viel primitiver. Arme und Beine sind z.T. stark verkürzt, unproportioniert und unorganisch angebracht, ein technisches und künstlerisches Unvermögen, das auch im Mittelfeld deutlich wahrzunehmen ist. Die Mitte des Pectorale ist durch 2 Leisten in eine obere und eine untere Zone gegliedert, in deren Mitte jeweils eine Palmette steht. Diese Palmetten, von denen in der unteren Zone noch 2 in der oberen nur noch eine












rechts erscheinen, haben in jedem ihrer 6 Blätter durch Punziemng einen Mittelgrat angcdcutet. In beiden Zonen befinden sich Fabelwesen mit Vogclkörper und menschlichen Köpfen und Füssen. Zwar wird jeweils die Mittelpalmette von 2 solcher Fabel-wesen eingefasst, aber alles andere ist gänzlich unsymmetrisch angeordnet. Dies ist auffallend, da sonst in der urartäischen Kunst die Symmetrie geradezu peinlich streng gewahrt erscheint. Das Pectorale befindet sich in Privatbesitz außerhalb Deutschlands; durch freundliche Vermittlung hatte ich Gelegenheit es ganz kurz sehen und fotografieren zu können. Begleitet werden die beiden Zonen des großen Mittelfeldes oben und unten von 2 Zickzackli-nien vor punzverzi ertem Hintergrund. Gegenüber den ersten beiden Pectorale schien mir das Material des dritten ziemlich kräftig zu sein (Tafel 4).

Bei einer Würdigung von Pectorale 3 können wir von den Zick-zacklinien als einem im urartäischen Bereich sehr beliebten Dekora-tionsmotiv ausgehen. Sie finden sich auf dem Schild von Toprakkale[23] ebenso wie auf Helmen von Karmir Blur[24] und Gaziantep[25] und auf Köchern[26]. Am häufigsten kommt jedoch diese Zickzacklinie auf Bronzegürtcln vor[27]. Für die Fabelwesen mit dem elipsenförmigen Vogclkörper liessen sich exakte Parallelen nicht eruieren, doch gibt cs auf Bronzegürteln mancherlei recht ähnliches Getier[28]. Auf die Palmcttcn und die beiden Genien war schon verwiesen worden.

c) Bronze

4. Fragment eines bronzenen Pectorale, etwa halbmondförmig, im Museum Adana aus dem Fund von Giyimli[29], Höhe 7,5 cm, ursprüngliche Breite ca. 20 cm. Erhalten ist etwas mehr als die Hälfte. Auch hier umgeben das Pectorale zwei Leisten und ist durch 2 Leisten das obere Ende an jeder Seite abgetrennt. In den abgeteilten Enden war ein schreitender Löwe wiedergegeben, während im Mittelfeld beiderseits eines heiligen Baumes je ein stehender Löwe erscheint. Das freie Feld ist mit Punktrosetten ausgefüllt, bei denen sich gepunzte Punkte um einen Mittelbuckel reihen. Diese Zierweise ist speziell für die Bronzebleche aus Gi-yimli charakteristich. An dem einen erhaltenen Ende ist eine Bronzeösc angenietet. Die Einteilung des Bildfeldes erinnert an Pectorale 3, die Löwendarstellung an Pectorale 1. O. A. Taş- yürck datiert das Stück in die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. (Abb. 1).

5. Hälfte eines kleinen bronzenen Pectorale, etwa halbmond-förmig aus dem Fond von Giyimli[30] im Museum Van. Höhe 2 cm, Breite noch 5 cm. In der Mitte Adorationsszene, dann nach außen Sternrosette und Palmcttc. Nach Foto und Zeichnung des Stückes muß man annehmen, daß am oberen Ende die Tragcöse weggebrochen ist, also das Stück in diese Gruppe gehört.

6. Komplett erhaltenes bronzenes Pectorale aus Grab I von Nor Arcsch[31]. Höhe in der Mitte 5,8 cm, Breite 17,8 cm. Die Randein¬fassung ist liier sehr breit und besteht aus einer beiderseits von Punktreihen begleiteten Zickzacklinie. Das schmale Bildfeld enthält nur 5 Punktrosetten derselben Art wie Pectorale 4. Das Stück wird von E. Akurgal in das 7. Jahrhundert v. Chr., von R. D. Barnett in dessen 2. Hälfte datiert.

II. Pectorale mit Löchern zum Annähen etc.

In dieser Gruppe kenne ich nur Stücke aus Bronze. Die Löcher sind verschieden angebracht und auch nicht gleich groß, so daß als Befestigungsart außer Annähen auch Anstecken, Anbinden etc. in Frage kommt. Gemeinsam ist allen jedoch die Anbringung auf einer Kleidungsunterlagc aus Textil, Leder etc.

7- Halbmondförmiges Pectorale aus dünnem Bronzcblech, in das die Verzierungen eingraviert sind. Höhe in der Mitte 2,9 cm, Breite 8 cm, Privatbesitz. Oben an den Enden befindet sich je 1 Befestigungsloch von 2 mm Durchmesser; das linke ist ausgerissen. Innerhalb einer randlichen Einfassungslinie haben wir 3 Rosetten. Die beiden äußeren sind aus 4 propellerförmigcn Blättern um die Mittelkreise zusammengesetzt, während die mittlere Rosette aus 8 locker um ein Rechteck gruppierten kreis - oder tropfenför¬migen Blättern besteht. Das Stück könnte vielleicht aus dem Fund von Giyimli stammen. (Tafel 5)

8. Halbkreisförmiges Bronzcblech[32], erhaltene Breite 25,4 cm, größte erhaltene Höhe 10,1 cm. An der erhaltenen Schmalseite und an der Unterseite sind im Abstand von 8-10 mm etwa 1 mm große Löcher angebracht, so daß das Original in seiner ursprüng-lichen Verwendung eigentlich nicht anders gedacht werden kann als als aufgenähtes Pectorale. Die obere Begrenzung bildet ein nicht ganz regelmäßiger Zinnenkranz. Innerhalb einer erhabenen Randlinie waren durch senkrechte Linien 3 etwa gleich große Felder abgeteilt. In dem nur teilweise erhaltenen linken Feld steht eine lang gewandete Gestalt mit “Turbanmütze” ähnlich denen der Genien auf Pectorale 2 mit erhobenen Händen vor einem heiligen Baum. In der Mitte reicht eine Frau mit langen Haaren einen kleinen heiligen Baum nach rechts, wo eine geflügelte Gottheit oder Genius mit Spitzhehn und dünnem Zweig steht. Wie in so vielen Adorationsszcnen bringt die Frau einen Zie¬genbock mit. Im rechten Feld kommen die langhaarige Frau und der geflügelte Genius im urartäischen Spitzhelm in der gleichen Haltung wieder vor, nur steht jetzt zwischen ilmen ein großer Pithos, anscheinend voller Flüssigkeit. Über die noch freien Flächen sind Punktrosetten verteilt. Die Darstellungen sind einfach, wenig sorgfältig und kunstlos eingraviert. Das Stück, das m. E. mit Sicherheit aus Giyimli stammt, wurde am 8.12.1975 bei Sotheby’s in London versteigert und vom Museum Adana erworben. (Tafel 6)

9. Kleines Pectorale aus 0,3 mm-starkem Bronzcblech, Breite 10,5 cm, Höhe in der Mitte 5,1 cm. Zur Anbringung dienten an den Schmalseiten und unten je ein Paar Löcher. Innerhalb einer kräftigen Randleiste befindet sich erhaben als einzige Darstellung ein liegender Halbmond. Das Stück tauchte in einem Konvolut urartäischer Bronzen (Gürtelfragmente, Votive etc.) in einer Münchener Galerie auf und konnte daraus von der Prähistorischen Staatssammlung (Inv. 1971, 1790) erworben werden. Eine Fund¬provenienz ließ sich nicht ermitteln. (Tafel 7)

10. Kleines Pectorale aus Bronzeblech, Breite 9 cm, Hohe in der Mitte 3 cm, halbmondförmig mit spitzen Enden, von denen das rechte abgebrochen ist.[33] Das Stück ist durch 4 der Form folgende, gepunzte Linien in 3 Zonen geteilt, von denen die oberen zwei mit je einer gepunzten Zickzacklinie ausgcfüllt sind. Be¬festigt war es durch je ein Loch an beiden Enden. Das im Mu-seum Adana befindliche Pectorale stammt aus dem Fund von Giyimli und wird von O. A. Taşyürek etwa in die Zeit um 600 v. Chr. datiert.

Die Pectorale 7,9 und 10 zeigen durch ihre wenig verschiedene geringe Größe, durch die gleiche Befestigungsart und durch die ein-fache ornamentale Verzierung an, daß sie demselben Verwendungs-zweck dienten, auch wenn sie sich in den Details der Verzierung unterscheiden. Die Lochreihe im unteren Teil des Pectorale 8 erinnert an die Lochreihe am Goldpectorale von Ziwiye[34], die letzteres zu-sätzlich zur Drahtöse zum Umhängen hat. Diese durch 2 Lochpaare geschlungenen einfachen 2 Drahtösen von Ziwiye lassen vermuten, daß auch die Pectorale 7,9 und 10 eventuell mittels - jetzt verlorener - Drahtösen getragen sein könnten.

III. Pectorale mit Hakenenden

11. Halbmondförmiges Pectorale aus starkem Bronzeblech, Breite 18,3 cm, Höhe in der Mitte 8,1 cm. Die Enden sind zu einem zurückgebogenen Rundstab ausgearbeitet, der in Schlangenköpfen endigt. Das Pectorale zeigt in der Milte eine einfach angedeutete Gesichtsdarstellung en face. Die obere Kante ist durch eine Reihung von Buckeln und Doppelkerben verziert. Eine doppelte Reihung von Pnnktrosetten folgt in regelmäßiger Anordnung der Linie des unteren Halbrunds. Das Pectorale ist im Kunsthandel aufgetaucht und wird, auch wenn keine Fundprovenicnz bekannt wurde, mit größter Wahrscheinlichkeit aus Gebieten in der Nähe der türkisch-iranischen Grenze stammen. Der Verbleib ist unbe¬kannt. (Tafel 8)

Die Vermutung über die Fundgegend wird bestätigt durch ein bronzenes Pectorale, das R. Ghirshman veröffentlicht hat[35] und das in Luristan gefunden wurde. Dieses Stück (Breite 23 cm) hat ganz dieselben Hakenenden und auch eine Kerbenreihung an der oberen Kante, sowie eine - allerdings plastischere - Gesichtsdarstellung en face in der Mitte. Es wird in das 8. - 7. Jahrhundert v. Chr. datiert. Eine Verwandtschaft mit dem Pectorale 11 ist ganz offensichtlich. In eine andere Richtung weisen die Punktrosettcn, die aus negativ gepunzten Punkten uni einen erhabenen Mittelbuckel bestehen und besonders für die Funde von Giyimli charakteristisch sind[36]. Damit wird für das Pectorale 11 eine Datierung in das Ende des 7. Jahrhun-derts, wenn nicht noch etwas später, wahrscheinlich gemacht.

Diese Zusammenstellung der elf in jüngster Zeit neu bekannt gewordenen halbrunden Pectorale unterstreicht die große Bedeutung, die das Tragen von Brustschmuck im Bereich Urartus gehabt haben muß. Obschon es nur ganz wenige Funde gegeben hat, war auf die Rolle des Brustschmucks bereits mehrfach hingewiesen worden. In seinem Beitrag über die Datierung des Fundes von Ziwiye[37] weist Barnett auf den Gebrauch von Pectorale in Urartu hin. R. Ghirshman befaßt sich bei seiner Besprechung des Pectorale von Ziwiye[38] aus-führlicher mit diesem Brustschmuck; er stellt fest, daß Pectorale im Zweistromland wenig bekannt, dagegen in Urartu recht beliebt waren und von da aus Eingang bei den Skythen und in Luristan ge¬funden haben. Die merkwürdige und von den hier behandelten Stücken durch geringeren Breitenwinkel und einen kleinen Fortsatz nach unten abweichende Form des Bronzepectorale aus einem skythischen Grab im Kaukasus[39], die auf urartäischen Einfluß zurückgeführt wird, hat übrigens eine auffallende Parallele in einem Pectorale von Karmir Blur[40], das nur Keilschrift (wahrscheinlich einen Gebetsanruf) enthält. Ein eigenes Kapitel widmet E. Akurgal dem Brust - und Gewandschmuck[41]. Es mag genügen hier auf diese bisher umfassendste Betrachtung zu verweisen.

Als Belege für die Beliebtheit von Pectorale in Urartu dienten stets 3 Beispiele auf Bronzestatuetten aus Toprakkale, von denen 2 zu dem bereits im vergangenen Jahrhundert zerstückelten Haldi-Thron gehört hatten. Das erste ist der berühmte geflügelte Löwe mit mensch¬lichem Kopf und Rumpf in der Eremitage in Leningrad[42]. Diese Figur (Abb. 2) trägt auf der Brust ein halbmondförmiges Pectorale an einer Kette um den Hals. Eine Darstellung auf dem Brustschmuck ist nicht erkennbar[43]; die Hängeösen sind durch je einen kleinen Kreis wiedergegeben. Zu demselben Thron hatte auch die Bronzefigur eines geflügelten Stiermenschen im Britischen Museum gehört[44], die auf der Brust ein ähnliches Pectorale trägt. Dieses (Abb. 3) ist mit 3 Kreisrosetten verziert und erinnert uns somit an das siebente der hier besprochenen Brustschilder. Ebenfalls verziert war das Pec¬torale der Bronzestatuette eines “Höflings” im Vorderasiatischen Museum Berlin[45] (Abb. 4). Das sonst wie die beiden vorhergehenden gezeichnete Pectorale weist 5 runde Vertiefungen auf, aus denen die Einlagen (Rosetten ?) herausgefallen sind[46]. Da die Statuette dersel¬ben Werkstatt zuzuweisen ist wie der Thron, und da der Haldi-Thron von G. Azarpay und E. Akurgal[47] übereinstimmend der Zeit Rusa II. (685 - 63g) zugewiesen wird, steht die Verwendung von Pectorale in Urartu für die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. fest. In das 7. Jahr¬hundert gehört auch die Mehrzahl der hier aufgeführten Pectorale; die spätesten kommen aus dem Fund von Giyimli, der um oder nach 600 v. Chr. in den Boden gelangt sein wird. Lediglich Pectorale 1 und 2 werden noch im 8. Jahrhundert hergestellt worden sein.

Wenn wir nun zum Schluß fragen, in welchem Bereich nun dieser Brustschmuck als Standes- Würde- oder Rangabzeichen Verwendung fand, so verweist die Anbringung von Pectorale auf den 2 Fabelwesen des Haldi-Throncs (Abb. 2-3) zunächst ebenso auf den kultisch-religiösen Bereich wie die Gebetsanrufung auf dem Brustblech von Karmir Blur[47]. Schon Pjotrowski[48] hat das damals einzige Pectorale von Toprakkale als Amulett angesprochen und damit auf den religiösen Charakter hingewiesen. Aus den urartäischen Königsinschriften[49] wissen wir, daß der König seine Bestallung vom Hauptgott Haldi hatte und somit bei seinen Untertanen als Vollstre¬cker göttlichen Willens auftrat; “durch die Macht des Haldi spricht” der König, “durch die Größe des Haldi bin ich .... der mächtige König” usw. lesen wir formelhaft immer wieder. Durch diese enge Durchdringung des religiösen mit dem politischen Bereich ergab sich sicherlich auch das Übergreifen der Symbolik und somit wahrscheinlich auch die Verwendung des Pectorale[50] in militärischen oder politischen Rangordnungen.

Während der Drucklegung dieses Aufsatzes erfuhr ich von einem goldenen Pectorale. Nachdem eigentlich immer schon, wie beim Medaillon, auch beim Pectorale Exemplare in Gold, Silber und Bronze anzunehmen waren, stellt das goldene Pectorale eine sehr schöne Bestätigung für die hierarchische Systematik in Urartu dar. Das goldene Pectorale, wie auch ein eben erst kürzlich bekannt gewordenes aus Bronze, sind zwar qualitätvoll und reich verziert, doch hält sich der Motivschatz ganz im Rahmen der bekannten urartäischen Dekorationen.

Footnotes

  1. C.F. Lehmann-Haupt, Materialien zur älteren Geschichte Armeniens und Mesopotamiens. Abhandlungen der Kgl. Gesellschaft zu Göttingen, Phil. hist. Kl. IX, 3, 1906, Abb. 56. - G. R. Meyer, Ein neu entdeckter urartäischer Brustschmuck. Das Altertum I, 4, Berlin 1955, 205 ff. - B. Pjotrowski, Iskusstwo Urartu (Leningrad 1962) Abb. 48. - Μ. Nanning van Loon, Urartian Art (Istanbul 1966) Taf. 32. - G. R. Meyer, Altorientalische Denkmäler im Vorderasiatischen Museum zu Berlin 2. Aufl. (1970) Taf. 137.
  2. B. Piotrovsky, Karmir Blur (Leningrad 1970) Abb. 85-87.
  3. H. - J. Kellner, Ein neuer Medaillon-Typus aus Urartu. Situla, Razprave Narodnega Muzeja v Ljubljani 14/15, 1974, 45 ff.
  4. Unveröffentlicht. Museum Van.
  5. Herrn Prof. Dr. E. Akurgal ist für die Möglichkeit, den Beitrag an dieser Stelle zu veröffentlichen, sehr zu danken. Kopien der Pectorale 1-3, sowie Pectorale g waren 1976 in München ausgestellt: Urartu. Ein wiederentdeckter Rivale Assyriens. Ausstellungskataloge der Prähistorischen Staatssammlung 2 (1976) Nr. 234-237.
  6. O. A. Taşyürek, The Urartian Belts (Ankara 1975) Nr. 2, Fig. 2, PI. 9-12.
  7. R. D. Barnett, More Addenda from Toprak Kale. Anatolian Studies 22, 1972, Fig. 1 (Rusa III.). - B Piotrovsky, Karmir Blur Abb 38 (Rusa I.) und Abb. 39-41 (Sarduri II.).
  8. H. - V. Herrmann, Urartu und Griechenland. Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 81, 1967, 115 Abb. 28.
  9. Barnett a.a.O. Fig. 5-6.
  10. L’Art arménien de l’Ourartou à nos jours. Paris, Musée des Arts Décoratifs, Oct. 1970 - Jan. 1971, Nr. 70.
  11. H. Hoffmann, An Urartian Decorated Bronze Strip from Diyarbakır. Studies Presented to George Μ. A. Hanfmann (Mainz 1971) Pl. 27.
  12. Catalogue of Antiquities and Islamic Art, Sotheby’s London 8. Dec. 1975, Nr. 54.
  13. O. A. Taşyürek, Belts Fig. 38. - Ders., The Karabasan Bronze Urartian Belt in the Adana Regional Museum. Anadolu 17, 1973, 197-205, Fig. 4 und 5.
  14. Stele von Adilcevaz: H. Kyrieleİs, Zum orientalischen Kcsselschmuck. Marburger Winkelmann-Programm 1966, Taf. 7. - Reliefblöcke von Kef Kalesi: B. Ögün, Die Ausgrabungen von Kef Kalesi bei Adilcevaz und einige Bemerkungen über die urartäische Kunst. Archäologischer Anzeiger 1967, Abb. 26-27.
  15. B. Piotrovsky, Karmir Blur Abb. 44/45 (Argisti I.). - G. Azarpay, Urartian Art and Artifacts (Berkeley and Los Angeles 1968) PI. 16-17 (Sarduri II). - O. A. Taşyürek, The Bronze Urartian Helmet in the Gaziantep Museum. Türk Arkeoloji Dergisi XXI - 1, 1974, Fig. 1.
  16. T. Özgüç, Altıntepe I (Ankara 1966) Fig. 18/19 und 37, Pl. I, 1. - N. Trouch- tanova, S. Khodzas et K. Oganecian, Les peintures d’Erebouni. Soobschtschenija Gosudarstwennowo Museja imeni A. S. Puschkina 4, 1968, 164 ff. Abb. 1-3.
  17. Ο. A. Taşyürek, Bells Nr. 19, Taf. 47, 48 und 54
  18. R. D. Barnett a.a.O. Fig. 17.
  19. Ο. A. Taşyürek, Belts Nr. 1.
  20. Catalogue (Anm. 12) Nr. 87. - O. A. Taşyürek, Belts Taf. 60.
  21. O. A. Taşyürek, Belts Taf. 5 und 33. - R. D. Barnett a.a.O. Fig. 6. - A. Erzen, Giyimli Bronz definesi ve Giyimli Kazısı. Belleten XXXVIII, 1974 Abb. 35.
  22. van Loon a.a.O. Taf. 31.
  23. R. D. Barnett a.a.O. Fig. 1 (Rusa III.).
  24. G. Azarpay a.a.O. PI. 10, 11 und 13 (Argisti I.) und PI. 16 und 17 (Sarduri II.). - B. Piotrovsky a.a.O. Taf. 44-47 (Argisti I.) und 48 (Sarduri II.). - van Loon a.a.O. PI. 27-29.
  25. O. A. Taşyürek, Türk Arkeoloji Dergisi XXI - 1, 1974, Fig. 1.
  26. B. Piotrovsky a.a.O. Taf. 49 (Sarduri II.). - G. Azarpay a.a.O. PI. 21. - R. D. Barnett a.a.O. Fig. 5-6 und 8.
  27. Z. B. O. A. Taşyürek, Belts Nr. 5, 12 und 31.
  28. Vgl. O. A. Taşyürek, Belts Taf. 42, 45 und 56. - Catalogue (Anm. 12) Nr. 86 a.
  29. O. A. Taşyürek, Urartian Jewelry and Needles in the Adana Regional Museum, Türk Arkeoloji Dergisi XXII - 2, 1975, 147 Fig. 1.
  30. A. Erzen a.a.O. S. 204 ff. und Abb. 31/32.
  31. R. D. Barnett, The Urartian Cemetery at Igdyr. Anatolian Studies 13, 1963, S. 194 ff. Abb. 44. - E. Akurgal, Urartäische und altiranische Kunstzentren (1968) 30 Abb. 12.
  32. Catalogue (Anm. 12) Nr. 73.
  33. O. A. Taşyürek, Türk Arkeoloji Dergisi XXII - 2, 1975, 147 Fig. 2.
  34. A. Godard, Le trésor de Ziwiyé (Kurdistan) 1950 Fig. 10, 23 und 24. - R. Ghirshman, Perse, Proto-iraniens, Mèdes, Achéménides (1963) Fig. 137 und 376.
  35. R. Ghirshman a.a.O. Fig. 380.
  36. A. Erzen a.a.O. Abb. 38-40. - Catalogue (Anm. 12) Nr. 48, 50, 51, 55-59, 63, 66, 68-70 a. 72-78, 80-82.
  37. R. D. Barnett, Iraq 18, 1956, 113.
  38. R. Ghirshman a.a.O. S. 308 ff.
  39. R. Ghirshman a.a.O. Abb. 380 und S. 434.
  40. F. W. König, Handbuch der chaldischcn Inschriften. Archiv für Orientforschung Beiheft 8 (1955 - 57) Inc. 37 S. 30 und 164, Taf. 102.
  41. Akurgal a.a.O. 27-35.
  42. Abb. 2 nach B. Pjotrowski, Urartu. Archaeologia Mundi (München 1969) Taf. 101. - Vgl. auch B. Pjotrowski, Iskusstwo Urartu (Leningrad 1962) Taf. 2/3. - G. Azarpay a.a.O. Taf. 53. - van Loon a.a.O. Taf. 14.
  43. Herrn Prof. Ur. B. Pjotrowski habe ich zu danken, dass er mir dieses und andere urartäische Fundstücke zugänglich gemacht hat.
  44. Abb. 3 nach E. Akurgal a.a.O. Abb. 3. - Vgl. auch R, D. Barnett, Iraq 12, 1950, Taf. 6. - B. Pjotrowski, Iskusstwo Urartu S. 47 Abb. 14.
  45. Abb. 3 nach van Loon a.a.O. Taf. 16. - Vgl. auch E. Akurgal, Die Kunst Anatoliens von Homer bis Alexander (Berlin 1961) Textabb. 6. - B. Pjotrowski, Iskusstwo Urartu Taf. 12/13.
  46. Der Liebenswürdigkeit von Prof. Dr. G. Meyer verdanke ich Möglichkeiten zum persönlichen Studium von urartäischen Objekten und anregende Gespräche.
  47. G. Azarpay a.a.O. 64. - E. Akurgal, Kunstzentren ... S. 28.
  48. Iskusstwo Urartu S. 84/85.
  49. F. W. König a.a.O.
  50. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass äusser den hier behandelten halbrunden Formen noch aridere, etwa rechteckige oder trapezartige, als Brustschmuck in Frage kommen.

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